PsychThGAusbRefG: Am 26.09. wird abgestimmt

Ein Beitrag von Johanna Luberichs, M.Sc. Psychologie.

Ende des Monats soll das Gesetz zur Reform der Psychotherapeut*innenausbildung verabschiedet werden. Vor der Sommerpause konnte keine Einigung gefunden werden, jetzt steht es wieder auf der Tagesordnung des Bundestags (26.09.2019). 

Das PsychThGAusbRefG, wie das Psychotherapeutenausbildungsreformgesetz abgekürzt wird, sieht vor, dass eine Approbation als Psychotherapeut*in künftig nach einem fünfjährigen Studium an einer Universität erteilt wird. Derzeit tragen Psychologiestudierende mit Abschluss des Studiums die Berufsbezeichnung Psycholog*innen. Um Psychotherapeut*innen zu werden, müssen sie nach dem fünfjährigen Studium eine im Schnitt 3-5jährige Ausbildung absolvieren, mit deren Abschluss sie sich psychologische Psychotherapeut*innen nennen dürfen und mit einer eigenen Praxis Zugang zum Versorgungssystem der gesetzlichen Krankenversicherungen bekommen. Letzterer soll auch zukünftig erst nach einer Weiterbildung nach dem Studium erreicht werden können. Die Berufsbezeichnung wird bereits mit Abschluss des Studiums Psychotherapeut*in sein und die Approbation soll Voraussetzung werden, um in Kliniken arbeiten zu dürfen. Das neue Psychotherapiestudium soll zum Wintersemester 2020 an Universitäten angeboten werden.

Das Bundesministerium für Gesundheit legte Anfang des Jahres den Referentenentwurf zur Reform der Psychotherapeut*innenausbildung vor. Auch wenn die Reform grundsätzlich begrüßt wurde, kamen Änderungsforderungen vor allem aus der Opposition, insbesondere aus den Fraktionen der Grünen und Linken, aber auch aus der SPD-Fraktion. Auch verschiedene Berufsverbände von Psycholog*innen und Psychotherapeut*innen sowie PiA-Verbände sprachen sich für die Reform aus, forderten aber wesentliche Veränderungen. Die Forderungen nach einer fairen Vergütung zukünftiger Psychotherapeut*innen in Weiterbildung (PiW) auch während der ambulanten praktischen Tätigkeit sowie nach einer Übergangsregelung zur Aufhebung der prekären Ausbildungsbedingungen für derzeitige Psychotherapeut*innen in Ausbildung (PiA) standen hier häufig im Vordergrund. Derzeit müssen PiA die Ausbildungskosten von insgesamt zwischen 20.000€ und 70.000€ selbst tragen, während sie in ihrer praktischen Tätigkeit, die sie zum Großteil stationär leisten müssen, aufgrund des ungeklärten arbeitsrechtlichen Status häufig mit einem Praktikant*innenvertrag angestellt sind, sodass für sie Vergütungen von unter 1000€/Monat die Regel sind. Viele PiA erhalten noch deutlich weniger. Mittels der Approbation mit Abschluss des Studiums solle es zukünftigen Psychotherapeut*innen ermöglicht werden für ihre Arbeit adäquat bezahlt zu werden. Wie genau die Finanzierungsmodelle aussehen sollen und woher das Geld für die Bezahlung der PiW genommen werden soll, ist bisher allerdings nicht expliziert. Über die genauen Auswirkungen kann also bisher nur spekuliert werden. Naheliegend ist eine insgesamte Reduktion der PiW Stellen – mehrerer PiA-Stellen werden zu einer PiW-Stelle -, um die ausreichende Bezhalung gewährleisten zu können. Das wiederum würde sich sowohl negativ auf die Weiterbildungsbedingungen, als auch auf die Patient*innenversorgung auswirken.

Eine weitere Änderungsforderung verschiedener Verbände ist derweil in den Hintergrund gerückt. Im Gesetzentwurf heißt es, das Studium solle verfahrensbreit angelegt sein. Es sollen also alle wissenschaftlich anerkannten Psychotherapieverfahren gelehrt werden, sodass Absolvent*innen im Anschluss an das Studium eine sichere Entscheidung für die Vertiefung in der Weiterbildung treffen können. Da mit Abschluss des Studiums die Behandlungserlaubnis vergeben wird, werden die Universitäten maßgeblich für die Gestaltung der psychotherapeutischen Ausbildung zuständig sein. In der Debatte um den Referentenentwurf blieb die dadurch entstehende Machtverschiebung an die Universitäten bisher weitgehend unbeachtet. Aktuell herrscht keine Pluralität in der Lehre der (Klinischen) Psychologie und eine verstärkte Monopolstellung der Kognitiven Verhaltenstherapie ist zu erwarten. Mit der kürzlichen Anerkennung der Systemischen Therapie existieren vier Verfahren, die für die vertiefte Ausbildung als wissenschaftlich anerkannt gelten. Drei dieser Verfahren (Psychoanalyse, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und Systemische Therapie) werden bisher an Universitäten stark vernachlässigt. Die Lehrstühle für Klinische Psychologie sind an deutschen Universitäten bis auf zwei Ausnahmen in Frankfurt/Main und Kassel alle mit Verhaltenstherapeut*innen besetzt. Historisch gesehen kann die Dominanz der Verhaltenstherapie durch den Rechtfertigungsdruck der Psychologie als Naturwissenschaft nachvollzogen werden. Die aktuelle psychologische Forschung orientiert sich überwiegend an der experimentellen Methode und die Annahme der Geisteswissenschaftlichkeit der Psychologie ist an den Universitäten verpönt. Die Einseitigkeit der Lehre und Forschung an deutschen Universitäten führt dazu, dass Studierende der Psychologie derzeit ein eingeschränktes Bild des Menschen und der Behandlungsformen psychischer Störungen erhalten.

Da mit der Reform der Psychotherapeut*innenausbildung keine Änderung in der Besetzung der Lehrstühle und somit kaum Änderungen in Art und Umfang der Lehre verschiedener Psychotherapieverfahren erwartet werden kann, kann davon ausgegangen werden, dass künftigen Psychotherapiestudierenden eine fundierte Entscheidung für die Weiterbildung ebenso schwer gemacht wird wie es bereits jetzt für Psychologiestudierende ist. Universitäre Ausbildungsinstitute und Institute anderer Therapierichtungen sind größtenteils voneinander unabhängig, d.h. es existieren universitäre Institute mit (K)VT Ambulanzen und hauptsächlich nicht-universitäre Institute für andere Therapieverfahren. Um im Studium eine Repräsentation aller anerkannten Therapieverfahren in vergleichbarem Umfang zu realisieren, müssten einige neue Professuren, und/oder externe Dozent*innenstellen geschaffen, und/oder Kooperationen mit externen Instituten und Vereinen eingegangen werden. Zu erwarten, dass Personen ihre Machtposition in Forschung und Lehre zugunsten einer Pluralität auf freiwilliger Basis und ohne politische Anstöße aufgeben oder teilen, entbehrt der Kenntnis des Status Quo.

Wenn angehende Psychotherapeut*innen keine sichere Entscheidung für ein Therapieverfahren in der Weiterbildung treffen können und sich die Vormachtstellung der (kognitiven) Verhaltenstherapie wie erwartet manifestiert, wird das auch mit einer schlechteren Versorgung für Patient*innen einhergehen. Psychotherapeut*innen sollten in der Lage sein, ihren Patient*innen fundierte Empfehlungen bezüglich eines geeigneten Therapieverfahrens zu geben. Wenn sie in ihrer bisherigen Ausbildung nur ein Verfahren vertieft kennengelernt haben, können sie das nicht. Patient*innen sollten zudem wählen können, welche Therapieverfahren für sie bei der Psychotherapeut*innensuche in Frage kommen. Wenn einige Verfahren so marginalisiert werden, dass sich nur sehr wenige Studierende für eine Vertiefung entscheiden, geht dies mit noch längeren Wartezeiten für einen Therapieplatz einher, was negative Auswirkungen auf die Patient*innen und deren Wohlergehen hat.

Mehr Pluralität im Studium bezüglich der verschiedenen Psychotherapieverfahren ist also angezeigt. Darüber hinaus kann eine pluralere Psychologie zudem dazu beitragen, den Studierenden ein breiteres Verständnis des Menschen, seines Erlebens und Verhaltens zu vermitteln. Die geistes- und gesellschaftswissenschaftlichen Anteile der Psychologie dürfen hierbei nicht unbeachtet bleiben. Der Mensch und seine psychischen Eigenschaften werden in der akademischen Psychologie individualisiert, häufig auch biologisiert. Menschen können aber nicht ohne Gesellschaft gedacht werden. Sie sind gesellschaftliche Wesen, weshalb die Gesellschaft und ihre Auswirkungen auf das Individuum sowie die möglichen Auswirkungen des Individuums auf die Gesellschaft in der Psychologie mitreflektiert werden müssen. In der psychologischen Forschung herrschen quantitativ-empirische Methoden vor, in denen der Mensch als objektivierbarer Gegenstand untersucht wird. Ein Schritt zu mehr Pluralität stellt hier die adäquate Lehre von anderen, wissenschaftlichen Methoden wie der qualitativen  und deren Förderung in der Forschung dar. Eine Darstellung weiterer gesellschaftsrelevanter Aspekte der Psychologie ist ebenso wünschenswert. So haben die Politische Psychologie, (queer-)feministische Psychologie und Umweltpsychologie einen Platz im Studium verdient, um nur einige zu nennen.

Ein erweiterter Wissenshintergrund kommt auch hier wieder den Patient*innen zugute. Bisher lernen Studierende weder, deren Kontextualität zu analysieren noch über die eigene Subjektivität zu reflektieren. Die Interaktion in einem psychotherapeutischen Setting hat mit einer quantitativ-empirischen Untersuchung wenig zu tun. Psychotherapeut*innen mit einer möglichst pluralen Ausbildung sind zudem eher in der Lage, die individuellen Situationen ihrer Patient*innen zu verstehen, wenn sie gelernt haben, diese in gesellschaftliche Kontexte zu setzen.

Im Sinne der bestmöglichen Ausbildung zukünftiger Psychotherapeut*innen und der Versorgung von Patient*innen braucht es die Abbildung von Pluralität der Psychologie und Psychotherapie im Studium. Eine plurale theoretische Grundlage muss geschaffen werden, indem Methoden unterschiedlicher Art vorgestellt und reflektiert werden. Plurale praktische Grundlagen müssen geschaffen werden, indem sichergestellt wird, dass alle Psychotherapieverfahren gleichermaßen gelehrt werden. Hierzu bedarf es der Schaffung neuer Stellen für Professor*innen, Dozent*innen und externen Kooperationspartner*innen.

Referenzen:

https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/Gesetze_und_Verordnungen/GuV/P/PsychThG-RefE.pdf

https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/Gesetze_und_Verordnungen/Stellungnahmen_WP19/PsychThGAusbRefG/BuKo_PiA_PsychThGAusbRefG.pdf

https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/Gesetze_und_Verordnungen/Stellungnahmen_WP19/PsychThGAusbRefG/PiA_Politik_Treffens.pdf

https://www.bundesgesundheitsministerium.de/psychotherapeutenausbildung/faqs-psychthgausbrefg.html